Der harte Brexit zum 12.04. ist vom Tisch – wie geht es weiter?

Von: Annika Süß |
Datum: 15.04.2019

Internationale E-Commerce-Händler sind wegen des kommenden Brexits bereits auf Hab-Acht-Stellung und rechnen mit dem Schlimmsten. Endzeitstimmung beim Online-Shopping, post apokalyptische Zustände in den Lagern und verzweifelte Mitarbeiter, die sich in einen Kampf auf Leben und Tod um die letzte Retoure begeben.

Brexit
Der Brexit kommt – This way? That way?

Viele britische Unternehmen beginnen bereits mit Hamsterkäufen von diversen Import-Artikeln und Materialien. Zahlreiche Supermärkte, Pharmakonzerne und andere Branchen üben sich erfolgreich in Sachen Vorräte anlegen. Deshalb werden Lagerflächen auf der Insel langsam aber sicher zur Mangelware. Der Brexit bedeutet aber noch nicht das Ende des Handels mit Großbritannien und auch nicht das Ende der Welt. Nochmal Glück gehabt. Der harte Brexit vom 12.04. ist erstmal vom Tisch und die Online-Händler können durchatmen bis Oktober.

Zum Hintergrund

Die Briten haben am 23. Juni 2016 mehrheitlich beschlossen, die EU zu verlassen. Beteiligte Staaten, die sich für einen Austritt entschieden haben, sind England, Nordirland, Schottland und Wales. Seither sind die Bemühungen um Alternativen und diverse Lösungen gescheitert. Das Austrittsabkommen, das die EU und Großbritannien ausgehandelt haben, lehnte das englische Parlament zweimal mit großer Mehrheit ab. Das Austrittsdatum war für den 29. März 2019 geplant. Aktuell wird es allerdings einen Aufschub bis zum 31. Oktober geben. Zurzeit sind die Verhandlungen über ein Austrittsabkommen noch nicht final abgeschlossen. Inwieweit sich britische und europäische Politiker einigen, wird sich noch zeigen. Wenn der Brexit kommt, sind Konsequenzen für den Handel unumgänglich. Womit müssen Sie rechnen, wenn Sie Kunden aus Großbritannien haben und was müssen Sie beachten? In unserem Beitrag haben wir einige Informationen für Sie zusammengestellt. (Aufgrund der unklaren Verhältnisse zum Brexit, erheben wir keinen Anspruch auf rechtsverbindliche Informationen. Unser Beitrag ist lediglich ein Überblick über die möglichen Auswirkungen des Brexits.)

Was ändert sich beim Handel mit Großbritannien?

Der Handel mit verschiedensten Waren könnte sich nach dem Brexit tatsächlich verkomplizieren. Wenn Sie Handelsbeziehungen mit Kunden aus dem Vereinigten Königreich unterhalten, müssen Sie mit mehr Aufwand rechnen. Zollgebühren und Einfuhrsteuern werden unvermeidlich. Für Käufer aus Großbritannien verliert der Handel mit deutschen Unternehmen damit an Attraktivität. Außerdem benötigen Sie in Zukunft Ein- und Ausfuhrdokumente, was einen zusätzlichen Aufwand bedeutet. Diese Formalitäten sind notwendig, um einen rechtskräftigen Handel zu gewährleisten.

SEPA-Überweisungen nach Großbritannien

Das SEPA-Verfahren dient der Vereinheitlichung der Auslandsüberweisungen im EU-Ausland. Auch in Großbritannien können SEPA-Überweisungen angewendet werden und das trotz des Pfunds. Für Händler sind Transaktionen via SEPA eigentlich unerlässlich. Im Zuge des Brexits kommt jetzt die Frage auf, ob sich das Verfahren mit IBAN und BIC weiterhin im United Kingdom halten wird. Experten halten es allerdings für unwahrscheinlich, dass die Briten das einheitliche Zahlungssystem wieder abschaffen. Der Verzicht auf SEPA würde den Handel Großbritanniens mit der EU nämlich zusätzlich erschweren.

Verlängerte Lieferzeiten und erhöhte Exportkosten

Verlängerte Lieferzeiten und erhöhte Einfuhrgebühren. Das sind die Alptraum-Begriffe schlechthin für jeden Unternehmer. Zusätzliche Zollkontrollen und die Einfuhrumsatzsteuer sind nur zwei Faktoren, die den Handel mit Großbritannien schwierig gestalten könnten. Außerdem könnten zukünftig zusätzliche Genehmigungen für die Einfuhr von Waren benötigt werden. Nicht zu vergessen, der bürokratische Aufwand, der auf die Lieferanten zukommt. Der gesteigerte Zeitaufwand sowie die Kosten on top könnten für viele ein Grund sein, den Handel mit Großbritannien auf Eis zu legen.

Was bedeutet der Brexit für Sie als Händler?

Bislang exportiert Deutschland fröhlich jede Menge Waren nach Großbritannien. Auch vom Zoll werden die Lieferungen bislang an den Kontrollen weitestgehend vorbeigewinkt. Das spart Zeit und Geld. Wenn der Brexit kommt, könnten Exporte zukünftig bedeutend länger brauchen, bis sie ankommen. Zudem ist auch noch mit steigenden Kosten zu rechnen, um Waren von Deutschland nach Großbritannien zu schicken. Die Folge: Viele Briten schrecken möglicherweise bald davor zurück, weiterhin deutsche Produkte zu bestellen.

Was bedeutet der Brexit für den Onlinehandel?

Den Umsatz im E-Commerce führt Großbritannien in Europa ganz klar an. 2018 belief sich der Umsatz im Online-Handel auf 78 Milliarden Euro. In Deutschland waren es hingegen „nur“ 63 Milliarden. Das vereinigte Königreich spielte bislang im internationalen E-Commerce eine wichtige Rolle. Mit einem harten Brexit am 12.04. könnte sich das ändern. Kunden aus der EU müssen sich auf Wareneingangskontrollen, Zölle, Mehrwertsteuer und verlängerte Lieferzeiten einstellen. Ab einem Bestellwert von 400 Euro sollen Einfuhrabgaben von um die 160 Euro anfallen; die Mehrwertsteuer käme noch on top dazu. Bereits ab einem Warenwert von 22 Euro müssen Sie für importierte Artikel aus Großbritannien eine Einfuhrumsatzsteuer entrichten. Auch für Retouren könnte es nach dem Brexit teurer werden. DHL erstellt zum Beispiel für jeder Labelanfrage für Retouren nach Großbritannien zusätzlich zum Label ein CN23-Dokument. Dieses muss außen an der Sendung angebracht werden. Der Einlieferer muss jedes Dokument händisch ausfüllen. Für das Brexit-Handling für DHL Retouren wird eine Gebühr von 1,99 Euro erhoben.

Brexit

Brexit und die DSGVO

Durch den Brexit wird Großbritannien fortan als Drittland klassifiziert. Für die Datenschutzverordnung bedeutet das ebenfalls eine Änderung. §§ 44 ff. der DSGVO tritt damit für Handelsbeziehungen mit Großbritannien in Kraft. Der uneingeschränkten Übermittlung von personenbezogenen Daten wird damit vorerst ein Riegel vorgeschoben. Laut Artikel 44 ist das vereinigte Königreich als „unsicheres Drittland” einzustufen. Hier müssten zunächst Garantien für den Schutz der personenbezogenen Daten geschaffen werden. Wie letzten Endes verfahren wird, ist allerdings noch nicht vollständig geklärt. Holen Sie sich daher die nötigen Infos ein, welche Ihrer Prozesse eines Datenaustauschs bedürfen. Somit können Sie die Anpassungen rechtzeitig vornehmen. Vor allem E-Commerce-Händler müssen sich darauf einstellen, ihre Geschäftsprozesse umzustellen.

Gesetzeslage für Online-Händler

Innerhalb der EU sind die relevanten Rechtsgebiete für Online-Händler sowie die Richtlinien der Verbraucherrechte größtenteils harmonisiert. Auch das Wettbewerbsrecht ist voll harmonisiert. Das bedeutet, dass der Europäische Gerichtshof (EuGH) die Rechtshoheit besitzt. Nach dem Brexit müssen sich die britischen Gerichte nicht mehr an den Urteilen des EuGH orientieren, wodurch es zu Differenzen der Auslegung von harmonisierten Gesetzen kommen kann. Dies hat ebenso Auswirkungen auf die künftige Rechtslage. Es bleibt abzuwarten, inwieweit sich die Gesetzeslage ändern wird.

Das müssen Sie bei der A1-Bescheinigung beachten

Damit Doppelversicherungen bei Beschäftigten im EU-Ausland vermieden werden, müssen Arbeitgeber in der Regel eine A1-Bescheinigung bei der Krankenkasse beantragen. Wegen der unklaren Rechtslage im Zuge des Brexit ist die A1-Bescheinigung in aller Regel bislang bis zum 29. März 2019 befristet. Allerdings wird man hier wohl ebenfalls in die Verlängerung gehen. Für den Fall eines harten Brexits wurde ein „Übergangsgesetz“ verabschiedet. Dieses gewährleistet den in Großbritannien Beschäftigten eine Rechtssicherheit.

Rechnungsstellung ins EU-Ausland

Wenn der Brexit in Kraft tritt, gilt Großbritannien als Drittland. Wenn Sie Artikel nach beispielsweise England oder Wales verkaufen, liegt der Ort der Leistung bei Ihrem Kunden. Das bedeutet, dass Ihre Rechnung von der Umsatzsteuer befreit ist. Diese Regelung gilt, wenn Sie und Ihr Kunde beide Unternehmer sind. Im Empfängerland müssen Sie eventuell Ihre Lieferung versteuern. Bei Rechnungen, die in die Schweiz gehen, ist es so geregelt, dass der Leistungsempfänger die Steuer abführt. Mit vielen Drittländern gibt es das Reverse-Charge Verfahren. Für Großbritannien könnte diese Regelung zukünftig ebenfalls gelten. Mit dem microtech Rechnungsprogramm erstellen Sie rechtssichere Rechnungen für Ihre Kunden aus Großbritannien. Hierfür benötigen Sie nur wenige Klicks und sind rechtlich gesehen auf der sicheren Seite.

Was Sie im Zuge des Brexit bei unserer Software beachten sollten

Die Steuerkategorie für das vereinigte Königreich ändert sich. Bei einem harten Brexit wird Großbritannien steuerlich zukünftig als Drittland eingestuft. Deshalb müssen Sie die dementsprechenden Änderungen bezüglich der Steuerkategorie in Ihrer microtech Softwarelösung vornehmen. Ab dem entsprechenden Stichtag muss eine Überarbeitung der Landeszuweisung der Umsatzsteuerkategorie in den Parametern vorgenommen werden. Dadurch werden Adressen aus Großbritannien dann nicht mehr automatisch auf „Ausland-EU“ gesetzt. In diesem Fall stellen Sie von „3 Ausland-EU“ auf „2 Ausland“ um.

Brexit – Vorgabe für die Umsatzsteuerkategorie

Wenn Sie nur wenige Kunden in Großbritannien betreuen, reicht es aus, betroffene Adresszusätze einmal zu öffnen und wieder zu speichern. Die Prüfroutinen unserer Software validieren das Lieferland mit der Umsatzsteuer-Identifikationsnummer und eine entsprechende Programmabfrage zur Umstellung der Steuerkategorie erscheint. Haben Sie hingegen viele Kunden in Großbritannien, kann die Umstellung der Steuerkategorie im Adressdatensatz auch per Export und Import erfolgen. In der Feldvariable «Adr.UStKat» ist die Steuerkategorie hinterlegt. Wenn Sie Unterstützung bei der Umstellung per Export/Import benötigen, steht Ihnen unser Support gerne zur Verfügung. Auf bestehende und noch nicht gebuchte Vorgänge haben diese Änderungen keine Auswirkungen. Das gilt für Bestellungen von Kunden, Lieferscheine, Rechnungen etc. Sollten Sie also noch nicht verarbeitete Vorgänge zu Kunden aus Großbritannien haben, sind die entsprechenden Vorgänge aktiv zu öffnen und unter dem Register „Adr.-Kennzeichen“ die Steuerkategorie von „3 Ausland-EU“ auf „2 Ausland“ zu ändern. Die Änderungen betreffen aktuell die Bereiche Warenwirtschaft und die Finanzbuchhaltung.

Brexit – Änderung bei der Umsatzsteuerkategorie

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Europawahl 2019 – Update zur Brexit-Situation

Das Ergebnis der Europawahl 2019 zeigt, wie sehr Großbritannien von dem Thema Brexit polarisiert ist. Die neu gegründete EU-kritische Brexit-Partei hat rund 31 Prozent der Stimmen für sich gewinnen können. Für Premierministerin Theresa May und ihre Konservativen waren die Wahlergebnisse hingegen nicht ganz so erfreulich: Gerade einmal neun Prozent der Stimmen. Parteien, die einen Austritt ohne Abkommen befürworten, zeigten sich ungefähr gleich stark mit Parteien, die ein zweites Referendum sowie den Verbleib in der EU befürworten. Theresa May hat inzwischen ihren Rücktritt angekündigt, da das von ihr mit Brüssel ausgehandelte Abkommen zum EU-Austritt vom britischen Parlament abgelehnt wurde. Auf ihre Position haben es einige Politiker abgesehen. Medienberichten zufolge soll Boris Johnson allerdings die besten Aussichten auf die Stelle als Premierminister haben. Er gilt als Brexit-Hardliner und könnte es daher noch schwieriger haben, letztendlich eine Einigung mit Brüssel zu finden.

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